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Auf dem Top-Level

Eine internationale Konferenz in Freiburg informiert über aktuelle Trends und Entwicklungen in der Robotik

Freiburg, 24.06.2019

Auf dem Top-Level

Foto: Patrick Seeger

Die Welt der Robotik trifft sich in Freiburg: Vom 22. bis zum 26. Juni 2019 findet an der Albert-Ludwigs-Universität die internationale Konferenz „Robotics: Science and Systems 2019“ mit mehr als 450 Forscherinnen und Forschern von weltweit führenden Standorten statt.  Lokaler Organisator ist der Informatiker Prof. Dr. Wolfram Burgard, Sprecher des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools der Universität Freiburg und Präsident der IEEE Robotics and Automation Society, der größten internationalen Vereinigung in der Robotik. Nicolas Scherger hat ihn nach aktuellen Trends und Entwicklungen seiner Disziplin gefragt.

Wolfram Burgard hat seinen Roboter Obelix dazu befähigt, sich selbstständig durch Freiburg zu navigieren – derzeit entwickelt der Informatiker autonome Fahrzeuge am Toyota Research Institute. Foto: Patrick Seeger

Herr Burgard, worauf freuen Sie sich bei der Konferenz am meisten?

Wolfram Burgard: Wir haben großartige Rednerinnen und Redner gewinnen können, die uns auf dem Top-Level über den aktuellen Stand der Robotik informieren. Prof. Dr. Robin Murphy wird beispielsweise darüber berichten, was Roboter bei Rettungseinsätzen im Katastrophenfall leisten können, und Prof. Dr. Martin Riedmiller, der sich bei der Google-Tochter Deep Mind mit künstlicher Intelligenz befasst, wird neue Ansätze des maschinellen Lernens vorstellen.

Welche Ideen und Trends gelten derzeit in der Robotik als besonders vielversprechend?

Ein wesentlicher Aspekt ist das so genannte Deep Learning, um das es einen ziemlich großen Hype gibt. Damit hat man einen Quantensprung in der Robotik erreicht, zum Beispiel bei der Wahrnehmung und der Navigation, die für selbstfahrende Autos besonders wichtig sind. Oder bei der Manipulation, also der Fähigkeit von Robotern, Objekte erkennen und zuverlässig greifen zu können – etwa wenn sie in der Logistik bestimmte Gegenstände aus Regalen im Lager holen und für den Versand verpacken.

Bei welchen Fragen stößt die Forschung derzeit noch an ihre Grenzen?

Die große Herausforderung liegt darin, die Sicherheit und Zuverlässigkeit weiter zu erhöhen. Um bei dem Logistik-Beispiel zu bleiben: Der Roboter soll ja nicht in zehn Prozent der Fälle ein falsches Objekt verschicken. Um aber eine Erfolgsrate von 99,99 Prozent zu erreichen, muss er genau wissen, mit welchen Gegenständen er es zu tun hat – ob Tennisschläger, Stofftier oder Zahnpasta. Wenn er all diese Objekte zuverlässig erkennen soll, braucht er riesige Datenmengen, mit denen er ohne menschliche Hilfe lernen kann. Das ist extrem aufwendig.

Am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) beteiligen Sie sich am Forschungsschwerpunkt „Verantwortliche Künstliche Intelligenz“. Warum ist die gesellschaftliche Dimension so wichtig?

Dieses Thema ist überall präsent, weil am Ende immer die Frage nach der Kontrolle und Verantwortung steht. Man muss beispielsweise extrem sorgfältig damit umgehen und aufpassen, was man tut, wenn man autonome Fahrzeuge auf öffentliche Straßen lässt. Als Forscherinnen und Forscher müssen wir solche künstlichen intelligenten Systeme sicher in die Gesellschaft bringen. Wir veranstalten im Umfeld der Konferenz eine „Samstags-Uni“, in der die Mitglieder des FRIAS-Forschungsschwerpunkts mit allen Interessierten darüber diskutieren werden.

Wenn Sie mit anderen darüber sprechen, was künftig möglich sein wird – erleben Sie mehr Begeisterung oder kommen eher Vorbehalte?

Beides. Eine technikaffine Person freut sich vielleicht eher darauf, wenn ihr irgendwann einmal ein Roboter daheim die Küche aufräumt. Andere befürchten eher, dass Jobs verloren gehen und die Welt insgesamt kühler wird, weil wir mehr mit Maschinen als mit Menschen zu tun haben werden. Ich habe den Eindruck, in den USA oder in Japan gilt der Roboter eher als Hilfe für den Menschen, und man ist dem Thema gegenüber insgesamt etwas positiver gestimmt als in Europa.

Sie sind derzeit Vice President for Automated Driving Technology am Toyota Research Institute in Los Altos/USA. Welches wissenschaftliche Projekt verfolgen Sie dort?

Ich arbeite an autonomen Fahrzeugen, wobei Toyota die Eigenheit hat, dass es nicht nur darum geht, dass Autos selbstständig von A nach B fahren, sondern auch um Assistenzsysteme, die Fahrerinnen und Fahrern in Extremsituationen helfen. Sie greifen zum Beispiel ein, wenn das Auto auf Glatteis ins Rutschen kommt oder wenn ein Zusammenstoß bevorsteht, weil der Fahrer ein Objekt überhaupt nicht bemerkt hat und deshalb nicht selbst darauf reagiert.

Wie gelingt es Ihnen, diese Aufgabe mit Ihrer Professur in Freiburg zu vereinbaren?

Das ist eine Frage der Management-Strukturen, die sowohl im Exzellenzcluster als auch bei Toyota sehr gut sind und mich extrem unterstützen. Wir haben viele Telekonferenzen, trotz der Zeitverschiebung von neun Stunden. Da muss ich eben manchmal etwas früher aufstehen, um das Tagesgeschäft abzuwickeln. Es ist zwar erheblich mehr Arbeit, aber ich sehe darin auch eine Beflügelung – insbesondere durch den FRIAS-Forschungsschwerpunkt, der mir viel neuen Input gibt.

Welche Anwendung der künstlichen Intelligenz wird in den kommenden Jahren den Alltag wohl am meisten verändern?

Die Menschen werden deutlich mehr über Kameras und Sprache mit Maschinen interagieren. Extrem wichtig ist, dass wir in Deutschland bei der Automatisierung der Produktion weiterkommen, denn die anderen Nationen schlafen nicht. Außerdem werden wir vielleicht Städte erleben, in denen viel weniger Autos parken als heutzutage, weil der gesamte Verkehr intelligenter organisiert ist. Hinzu kommen weitere Bereiche, etwa die Landwirtschaft, in der wir den Ertrag durch Automatisierung erhöhen müssen, um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können.

Welchem Projekt Ihrer Arbeitsgruppe in Freiburg messen Sie besonderes Potenzial bei?

Wir haben gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie ein schönes Projekt zur Mensch-Roboter-Interaktion. Ziel ist, dass wir dem Roboter über Sprache und Gestik beibringen, bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Davon erwarte ich mir coole Resultate.

 

Weitere Informationen

„Robotics: Science and Systems 2019“

Thementage „Verantwortliche Künstliche Intelligenz“ an der Universität Freiburg